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Das geplante Abenteuer, Teil 1

25. Oktober 2013 - Christian Beck
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Immer wieder sind es die Geschichten und Fotos der Reisefotografen, die unsere Fotoherzen höher schlagen lassen. Dabei bleibt häufig im Verborgenen, wie aufwendig die Recherchen, Vorarbeiten und schließlich die Durchführung solcher Reisen sind. Ein Erlebnisbericht.

Ein Beitrag aus dem fotoforum-Archiv: Jochen - ein Fotofreund - und ich sitzen im Spätsommer während einer Seminarpause in einem Café und essen Schwarzwälder Kirschtorte. Er erzählt von seinem Schottland-Urlaub und einer Insel namens Isle of Canna, die er dort für einen Tag besuchte: „Früher lebten dort fast 400 Menschen, heute sind es nur noch rund 20. Ein Geschäft gibt‘s dort nicht und die gesamte Versorgung kommt mit einer Fähre vom Festland. In der Schulklasse sind nur fünf Kinder.“ „Klingt äußerst interessant“, denke ich und in mir erwacht der Abenteuerdrang.  „Da müssen wir hin und fotografieren“, höre ich mich noch sagen. Schließlich steht auch unsere Diplomarbeit für unser Foto-Design-Studium an und wir sind beide noch themenlos.
Kurze Zeit später treffen wir uns erneut und machen die Canna-Fotoreise wasserdicht – zumindest versuchen wir das. Denn schnell stellt sich heraus, dass so etwas von langer Hand geplant und vorbereitet sein will. Einfach hinfahren und Fotos machen, kommt bei so einem Projekt nicht infrage und folgende wichtige Punkte stehen im Raum:
• Welcher Zeitraum eignet sich für unser Vorhaben?
• Welches Ziel verfolgen wir und haben wir überhaupt eines?
• Haben wir ein Konzept?
• Welche Ausrüstung nehmen wir mit?
• Wo kommen wir unter?
und ganz wichtig: 
• Wie bekommen wir Kontakt?
Fragen über Fragen und es dauert lange, bis wir (fast) alles geklärt haben.

Zeitraum und Ziel
Wir wählen einen Zeitraum von Ende April bis Anfang Mai. Rund zwölf Tage müssen reichen, von denen allerdings noch rund drei Tage für An- und Abreise gerechnet werden müssen. Im Internet finden wir den Hinweis, dass zu dieser Zeit die Lambing Season beginnt. Die Zeit, in der die vielen Schafe in Schottland ihre Lämmer bekommen. Für uns ein interessanter Aspekt. 
Unser Konzept ist zunächst grob: Ein Inselporträt der Isle of Canna soll es werden. Mit Mensch, Tier, Flora und dem Leben an diesem einsamen Ort, mit seinen Vorteilen und Schwierigkeiten … Genauer grenzen wir erst vorab nicht ein und dass dieses Vorhaben etwas großspurig ist, merken wir allerdings erst vor Ort. 
 
Technische Details
Bei der Ausrüstung wird nicht lange überlegt. Jochen fotografiert mit Nikon genauso wie ich. Wir legen unsere Objektive zusammen und leihen uns die fehlenden Brennweiten. So machen wir es auch mit Blitzen und Fotozubehör. Am Ende haben wir eine sehenswerte Ausrüstung zusammengetragen und stellen fest: Wir müssen den ganzen Krempel auch noch transportieren können. Hier kommt die Reiseplanung ins Spiel und es erweist sich als entscheidender Vorteil, dass Jochen mit seinem kleinen Bulli alleine vorfahren will. Den können wir mit Stativen und anderer Ausrüstung vollstopfen. Ich komme im Flieger nach und bringe die wertvollen Kameras und Objektive mit.
Dass wir viel zu viel Ausrüstung organisiert hatten, merken wie spätestens, als wir sie täglich auf unseren Touren tragen mussten. Trotzdem eine imposante Sammlung von Glas und Technik.

Wohnen und Kontakt 
Eine weitere Überlegung, die uns lange – fast bis kurz vor der Abreise – beschäftigt, ist die Unterkunftsfrage. Die Isle of Canna ist nicht auf Tourismus ausgelegt. Es gibt zwar ein kleines Guesthouse, aber das ist uns zu teuer. Also durchsuchen wir das Internet und finden die Website sowie die E-Mail-Adresse von Geoff, einem Insulaner, dem wir prompt eine Mail schreiben. Wir stellen uns vor, beschreiben unser Vorhaben und fragen nach einer möglichen Unterkunft. Das ist es und unser erster Kontakt geht mit einem Tastenklick per E-Mail raus. Kurz darauf bekommen wir eine Antwort und freuen uns über das Angebot, im sogenannten Kate’s Cottage übernachten zu können. Jochen erinnert sich von seiner damaligen Tagestour an das beschauliche kleine Häuschen am Hang in wunderbarster Lage. Wir freuen uns und versuchen weiterhin herauszufinden, wie Kates Cottage ausgestattet ist: Wir benötigen Strom für die Kameras und etwas Wärme wäre im Frühjahr in Schottland auch nicht schlecht. Jetzt stellt sich aber heraus, dass das Internet nicht immer der richtige Weg für diese Art der Kommunikation ist, denn eine Antwort lässt auf sich warten. Wir greifen also zum Telefon, doch leider sind wir danach auch nicht viel schlauer als vorher. Denn das Cottage wurde lange nicht mehr benutzt und die Solarzellen auf dem Dach können funktionieren, müssen aber nicht. Wir bereiten uns also auf alles vor.
Schlafsäcke, Isomatten und wetterfeste Kleidung sind eingeplant. Jetzt müssen nur noch Kerzen, eine helle Gaslampe und ein Benzinkocher mit ins Gepäck. Die Stromfrage für unsere vielen Kamera-Akkus schieben wir vor uns her und trösten uns mit dem Gedanken, dass uns sicherlich irgendwer, irgendwie mit Strom wird versorgen können. 
Natürlich wollen wir nicht mit leeren Händen auf die Insel kommen und so besorgen wir Süßes für die Kinder und typisch deutsches Hochprozentiges für die Erwachsenen.
Malerisch liegt das Kates Cottage am Hang. Von dort aus hat man einen wunderbaren Blick über die gesamte Insel und das Meer davor. Aber leider (oder zum Glück) kommen wir dort nicht unter.

Auf gen Norden
Es ist so weit. In Edinburgh angekommen, holt Jochen mich am Flughafen ab und wir fahren mit dem Bulli durch die Highlands bis Mallaig im Nordwesten Schottlands. Dort übernachten wir, um am kommenden Morgen mit der Fähre nach Canna überzusetzen. Der Bulli muss allerdings auf dem Festland bleiben. Wir wuchten unsere schwere Ausrüstung, die noch um Verpflegung für rund acht Tage erweitert wurde, auf die Fähre und schon geht es los.
Schicke englische Autos.
Schottisches Wetter wo man nur hinschaut …
Malerisch: Der kleine Campingplatz, auf dem wir einen Zwischenstop einlegen, bevor es am kommenden Tag nach Canna geht.
Unsere Fähre. Es ist zwar eine Autofähre, aber fremde Autos dürfen nicht mit nach Canna gebracht werden. Wir lassen das Auto also auf dem Festland. Toll ist die Regel, die besagt, dass "Zu-Fuss-Passagiere" nur so viel Gepäck mit auf die Fahre nehmen dürfen, wie sie auf einmal tragen können. Ich alleine hatte rund 20 kg Fotoausrüstung, etwa 20 kg Kleidung und sonstiges + Essen und Trinken für gut eine Woche. Es muss irre ausgesehen haben, als wir wie Packesel beladen, auf die Fähre stolperten …
Willkommen auf Canna. Und natürlich regnet es.

Canna: Wir sind da
Auf der Insel angekommen, ist sie sofort zu spüren, die schottische Herzlichkeit. Geoff, unser Ansprechpartner, holt uns in einem alten, klapprigen Land Rover ab und wir erfahren schon in den ersten 30 Sekunden den aktuellen Wetterbericht: „Stormy and wet!“ Das fängt ja gut an!
Geoff bringt uns zu unserer Unterkunft, allerdings doch nicht zum Cottage, sondern zu einem alten Wohnwagen. Das Cottage sei zu nass und zu kalt, die Schafe wohnen gerade darin und der Weg dorthin besteht nur aus Schlamm und Geröll – selbst mit dem Land Rover bei diesem Wetter nicht zu bewältigen. Also beziehen wir den Wohnwagen. Er hat zwar keinerlei schottischen Charme und auch keine Lage am Hang mit Blick über die Küste, aber dafür hat er Strom, einen Gasofen und eine  Kochstelle. Zudem befindet er sich an der einzigen Straße auf Canna und somit am „Puls des Geschehens“.
Der Green Caravan in seiner vollen Pracht. Allerdings bietet er uns Wärme, Strom, Wasser und alles was zu einem Luxus-Leben dazugehört. Obendrein ist seine zentrale Lage für uns optimal. All das hätte das Cates Cottage uns nicht bieten können.
Natürlich darf auch der englische Karmin nicht fehlen …
Ohne einen Land Rover geht gar nichts auf Canna. Die Autos benötigen auch keine Zulassung und somit auch keinen TÜV (oder ähnliches) da es keine offiziellen Straßen auf Canna gibt. 
Unsere Verbindung zur Außenwelt. Handynetz auf Canna: Fehlanzeige!

Tee, Tee und Tee
Nun sind wir angekommen. Wie geht’s weiter? Ausruhen? Nein, keine Zeit! Wir sind zum Fotografieren hier! Wir packen also unsere Fotoausrüstung zusammen und marschieren los, um die Insel zu erkunden. Wir kommen aber nicht weit, denn es dauert keine 15 Minuten und wir sitzen bei drei älteren Damen auf der Couch, trinken Tee und essen Kekse. Dass wir so nett empfangen werden, hätten wir nicht gedacht.
Ganz Gentlemen fallen wir nicht mit der Kamera zuerst ins Haus und lassen sie zunächst in der Tasche. Auch später scheint uns die Situation nicht angemessen für Fotos und so lassen wir die drei Damen „unfotografiert“. Aber wir sind ja gerade erst angekommen und eine weitere Möglichkeit wird sicherlich noch folgen. Nach einer Stunde verabschieden wir uns und machen uns auf den Weg zu Geoff. Dort wartet der nächste heiße Tee.
Geoff wohnt mit seiner Familie in einem kleinen roten Holzhaus mit wunderschöner Aussicht über das idyllische Naturhafenbecken. Stolz erzählt er uns von der Insel, den Menschen und ihren Gepflogenheiten. Es erweist sich als großer Vorteil, dass Jochen und ich uns zuvor in die Geschichte Schottlands eingelesen haben und so manches Mal ein begeistertes „Oh really, how did you know that?“ von ihm zu hören bekommen.
Geoffs Frau ist die Lehrerin auf Canna und eine zentrale Figur für uns. Wir erhoffen uns über die Schule einen Einstieg in das Leben auf Canna. Es kommt, wie wir es uns wünschen, und wir „German Photographers“ werden in die Schule eingeladen, um Schülerporträts zu machen und um von uns zu erzählen.
Geoff genießt einen Ausblick der Superlative von seinem Wohnzimmer aus.
 
Ende Teil 1
Im zweiten Teil berichte ich von schottischen Geistern und erzähle, wieso Jochen und ich nun eine Kuh auf Canna besitzen.

Administrator
Hallo Jochen,
Vielen Dank für Deinen Kommentar!
Ja! In der Community gibt es bereits schon einige Bilder von Canna. Weiterhin stammt die Geschichte in ähnlicher Form aus dem fotoforum-Archiv. Es kann somit sein, dass Du sie schon einmal in gedruckter Form im Heft gelesen hast.
Ich arbeite gerade an Teil 2 und denke, dass er noch vor dem langen WE online geht.
Viele Grüße,
Christian