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Gordon Welters: Storytelling – Geschichten vom Menschsein

20. Mai 2016 - Martin Breutmann
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Der Fotojournalist Gordon Welters widmet sich vorrangig Themen, die vom Menschsein erzählen und die in der aktuellen Berichterstattung nicht im Mittelpunkt stehen. Bei den fotoforum Impulsen 2016 in Cloppenburg (24. bis 26. Juni 2016) berichtet er von seiner Arbeit, vom Storytelling und der Entstehung seiner sozial engagierten Reportagen. fotoforum sprach mit Gordon Welters.

fotoforum: Ihre Themen sind keine leichte Kost, sie handeln von Krankheit, Benachteiligung, sozialen Spannungen und Problemen. Was reizt Sie, bevorzugt solche schwierigen Themen zu bearbeiten?

Gordon Welters: Grundsätzlich finde ich es immer spannend zu schauen, wie sich Menschen im Leben einrichten. Dazu gehören neben vielen positiven Aspekten auch das Straucheln, Stolpern, Kämpfen und der Tod. Durch die intensive Auseinandersetzung mit diesen Themen nehme ich viel für meine eigene Lebensgestaltung mit. Im Tagesgeschäft hingegen geht es ja oft um leichtere Kost. Aber auch diese Geschichten haben für mich durchaus ihre Berechtigung. Denn das Leben ist unglaublich facettenreich, da gibt es viel zu erzählen und dafür braucht es mehr als nur die Farben Schwarz und Weiß.
Aus der Fotoreportage „Leben im Bauwagen" © Gordon Welters
Leben im Bauwagen: Der Fotojournalist Gordon Welters wollte selbst erfahren, wie sich das Leben in einer Wagenburg anfühlt. Er begleitete die Menschen dort über mehrere Jahre.
© Gordon Welters

fotoforum: Wie werden Sie auf Ihre Themen aufmerksam?

Gordon Welters: Das ist sehr unterschiedlich. Grundlegend jedoch möchte ich immer herausfinden, wie sich das Leben anfühlt - in seiner Schönheit, aber auch in schwierigen Situationen. Manchmal versuche ich mir selbst Fragen zu beantworten. Früher zum Beispiel war ich auf der Suche nach einer für mich idealen Lebensform. Dazu habe ich mir unterschiedliche Lebensstile angesehen und fand mich irgendwann auf jener Wagenburg wieder, die ich dann über viele Jahre mit meiner Kamera begleitet habe. Dann wiederum gibt es Zufälle, die mich zu Geschichten führen. So habe ich aufgrund eines Flugausfalls zum ersten Mal etwas über das PNI in St. Petersburg gehört. Und eine Fotografin machte mich schließlich mit Dana bekannt. Das heißt, Neugier, Zufälle und Gespräche können wunderbare Inspirationsquellen für uns Fotografen sein.

fotoforum: Wie viel Distanz, wie viel Nähe ist nötig zu einem Thema und zu den Protagonisten Ihrer Reportagen?

Gordon Welters: Eine schwierige Frage. Ich habe einmal folgenden Satz gehört, der die Arbeit eines guten Journalisten zu beschreiben versucht: „So nah dran wie möglich – aber mit so viel Distanz wie nötig!" Da steckt viel Wahres drin, finde ich. Es ist aber nicht immer möglich ausreichend Distanz zu wahren, denn mich lassen Schicksale ja nicht kalt - im Gegenteil!
Aus der Fotoreportage „The stolen Future" © Gordon Welters
Am 24. April 2013 stürzte in Savar bei Dhaka, Bangladesh, ein Gebäude einer Textilfabrik ein. Darin arbeiteten 3.000 Menschen, 1.138 Menschen kamen ums Leben, über 1.000 wurden verletzt. Gordon Welters zeigt in seiner Reportage „Die gestohlene Zukunft", wie die Menschen versuchen, die Folgen der Katastrophe zu bewältigen. © Gordon Welters

fotoforum: Welche Rolle spielen Emotionen bei Ihrer Arbeit und in der Begegnung mit den Menschen?

Gordon Welters: Wenn sich ein Fotograf entscheidet, Menschen mit der Kamera zu begleiten, sollte er emphatisch auf seine Protagonisten zugehen. Das geht meines Erachtens nicht ohne Interesse an der jeweiligen Person. Wenn man wiederum viel über das Gefühlsleben anderer erfährt, kommt es vor, dass man sich ihnen plötzlich sehr nahe fühlt und eine emotionale Bindung entsteht. Dieser Zugang ist ein Geschenk, das jedoch mit einer großen Verantwortung einhergeht. Zugleich nehmen meine eigenen Gefühle und Gedanken einen großen Raum innerhalb der Geschichten ein. Emotionen spielen also zwangsläufig eine wichtige Rolle im Reportagebereich.

fotoforum: Über welchen Zeitraum erstrecken sich Ihre Projekte in der Regel?

Gordon Welters: Während im Tagesgeschäft Reportagen oft in ein, zwei Tagen abgeschlossen sein müssen, nehme ich mir für meine persönlichen Projekte soviel Zeit wie es braucht, um letztlich die jeweilige Geschichte erzählen zu können. Die Wagenburg habe ich zum Beispiel über mehrere Jahre fotografiert, Dana hingegen habe ich erst 19 Tage vor ihrem Tod kennengelernt.

fotoforum: Gibt es auch Themen, die Sie irgendwann nicht weiter verfolgen, weil Sie merken, dass das einfach nicht geht?

Gordon Welters: Das ist mir bisher erst einmal passiert. Ich hatte an einem Projekt über so genannte Parallelgesellschaften in Deutschland gearbeitet. Währenddessen tauchte Tilo Sarrazin mit seinen Thesen auf und das Thema erfuhr plötzliche eine enorme Präsenz in den Medien. Meine Protagonisten sprangen nacheinander ab, was ich im Nachhinein gut verstehen kann. Aber es gibt natürlich immer wieder Punkte, an denen ich mir die Frage stelle, ob ich weiterfotografiere oder nicht. Da spielen ganz unterschiedliche Gründe eine Rolle.
Aus der Fotoreportage „Dana" © Gordon Welters
Dana war 25, als sie vom Krebs erfuhr, sie starb mit 34 Jahren. 19 Tage vorher lernte Gordon Welters sie kennen. In einer Reportage zeigt er, wie Familie, Freunde und Dana voneinander Abschied nahmen.     © Gordon Welters

fotoforum: Wie schätzen Sie den Stellenwert der sozialen Fotoreportage in den Medien ein und welche Rolle spielt dabei das Storytelling in diversen Web-Formaten?

Gordon Welters: Ich würde mir wünschen, dass einfühlsamen Reportagen mehr Platz, hinsichtlich der Relevanz und dem Druckumfang, eingeräumt würde. Zugegeben, da hat sich in den letzten Jahren schon einiges geändert. Die klassischen Medien sind mutiger geworden und im Netz werden neue Formate ausprobiert. Da sehe ich eine große Chance für die sozial-engagierte Fotografie und verfolge diese Entwicklung daher mit großem Interesse.

fotoforum: Vielen Dank für das Interview!

Zur Person: Gordon Welters (Jahrgang 1974) arbeitet seit 1998 freiberuflich als Fotojournalist und realisiert Auftragsarbeiten für viele internationale Magazine und Zeitungen. Schwerpunkte: Fotojournalismus, Porträt- und Reisefotografie. Er hegt ein Faible für die sozial-engagierte Reportage-Fotografie und widmet sich in seinen freien Projekten Themen, die vom Menschsein erzählen.
www.gordonwelters.com


Infos und Anmeldung zu den fotoforum Impulsen: www.fotoforum.de/impulse
Hallo, eine sehr gelungene Arbeit.... das Menschsein,
kann man das überhaupt so sagen beziehungsweise schreiben ?!? Ich finde es wunderbar dieses Thema und die Bilder dazu. Manchmal sind diese gedanken auch in meinem Kopf und Seele,Bilder zu dem was man erlebt hat und was man fühlt abzulichten. Wieder Menschsein in einer schweren zeit und vorallem nicht allein.
Ps.: Auch mein schreiben mag nicht jeder verstehen oder geschweige lesen können aber auch das ist Menschsein.