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Haiku fotografieren –
Bilder, wie ein Gedicht

24. März 2016 - Martin Breutmann
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Scharf? Unscharf? Mit diesen Kategorien ist die Naturfotografie des Künstlers Martin Timm wohl kaum zu fassen. Bei den fotoforum Impulsen 2016 in Cloppenburg (24. bis 26. Juni 2016) stellt er sein Konzept Haiku fotografieren vor, das auf der japanischen Zen-Tradition fußt. Damit lotet er die Grenzbereiche der Naturfotografie neu aus. fotoforum sprach mit Martin Timm.

fotoforum: Was ist Haiku-Fotografie?
 
Martin Timm: Ein neuer Impuls für die Naturfotografie. Es geht darum, Motive mit der Kamera so ins Bild zu setzen, wie es die Dichter der japanischen Klassik pflegten: nicht als schönen Zustand, sondern als zufälliges Geschehen. Fotos wie Gedichte – sie sind das, was in diesem Sinn entstehen kann.
Martin Timm fotografiert Haiku nach Zen-Tradition. Foto: Birgitta Petershagen
Martin Timm in seinem Element: „Haiku fotografieren" bedeutet unmittelbares Erleben und Spüren der Natur und der eigenen Empfindungen. Foto: Birgitta Petershagen

fotoforum: Muss man da streng nach Gedichttexten fotografieren?
 
Martin Timm: Nein. Sicher kann man sich von einem einzelnen Gedicht beflügeln lassen und dann versuchen, es mit der Kamera umzusetzen. Ich selbst finde es reizvoller und auch leichter, völlig befreit loszugehen und zu schauen, was im Moment entsteht. Dafür habe ich das Momenthafte meiner Lieblings-Haiku einfach gern im Sinn, ohne aber konkret an ein einzelnes zu denken.
 
fotoforum: Wie lange braucht man, um so fotografieren zu können?
 
Martin Timm: Bei mir waren es Monate. So lange musste ich lernen, und ich glaube, richtig verlassen können werde ich dieses Stadium nie. Motive, Technik und Komposition sind nicht das Problem, das alles ist relativ schnell klar. Ich habe die Zeit fast nur dafür gebraucht, glauben zu können, dass es so einfach ist. Und dass ich einen Zustand erreichen kann, an dem ich den Kopf ausschalten darf und es geschehen lassen kann. Genau hier liegt die Crux: im Vertrauen darin, dass jedes Foto gut wird, sobald ich mich wirklich einlasse, aber: dass eben auch keines gut wird, wenn ich an der Oberfläche bleibe und ein hübsches Bild konstruiere.
Martin Timm fotografiert Haiku nach Zen-Tradition. Foto: Martin Timm
Trotz Streulichtblende diffundieren Teile des Gegenlichts in die Frontlinse. Ein eigentlich unerwünschter Effekt, dessen sphärische Wirkung jedoch faszinieren kann: Blässe im harten Kontrast – das ist sphärisch und authentisch zugleich.

fotoforum: Und wie viel Zeit benötigt man für ein Haiku-Foto?
 
Martin Timm: Die japanischen Klassiker sagen: Alles, was wirklich wichtig ist, lässt sich in einem einzigen Atemzug sagen. Etwa ein gutes Haiku. Unter dem Schirm des Haiku durfte ich erfahren: eben auch ein Foto.
 
fotoforum: Was kann es dem Fotografen persönlich bringen?
 
Martin Timm: Fotografieren im Sinn des traditionellen Haiku schärft zweierlei: die Sinne und die Ausdruckskraft. Seit ich so fotografiere, fällt mir viel mehr auf da draußen. Ich reagiere nicht nur auf Fotogenes, sondern auf Geschehnisse und Veränderungen im Kleinen. An ihnen ist meine Empathie gewachsen, wodurch meine Bilder wesentlich persönlicher geworden sind.
Martin Timm fotografiert Haiku nach Zen-Tradition. Foto: Martin Timm
Gerade vor dem dunkleren Umfeld erscheinen die herumwuselnden Lichtflecken so deutlich, dass es schon fast mystisch scheint. Um diesen Eindruck zu erhalten, belichtet Martin Timm das Bild knapp. Dadurch wird das Düstere der Umgebung in der Aufnahme noch miterhalten. Um den Effekt zu steigern, korrigiert er die Zeitautomatik um -0,7 Lichtwerte.

fotoforum: Wie kann Haiku die Naturfotografie bereichern?
 
Martin Timm: Es gibt zahllose schöne Naturfotos. Aus künstlerischer Sicht glaube ich aber, dass die Maler weiter sind als wir Fotografen. Ihren stilistischen Fortschritt habe ich als wesentlich reichhaltiger und existenzieller kennen- und schätzen gelernt als den der Naturfotografie. Zu sehr versuchen Fotografen, der Natur schöne Motive zu entlocken – eine Ambition, die die Maler schon vor hundert Jahren überwunden haben. Es gibt authentischere Ziele als eine Ästhetik, die nur den Sinnen schmeichelt. Das können wir vom Haiku lernen.
Martin Timm fotografiert Haiku nach Zen-Tradition. Foto: Martin Timm
Das Angerbachtal im Bergischen Land bei Düsseldorf – bei klarem Licht findet sich der Dunst im Detail. Um eine zu silhouettenartige Anmutung der Schatten durch das starke Gegenlicht zu vermeiden, ist das Bild um 1,3 Blenden überbelichtet.

fotoforum: Warum passt von den vielen lyrischen Formen ausgerechnet Haiku besonders zur Fotografie?
 
Martin Timm: Das hervorragende Argument fürs Haiku ist das typisch Momenthafte. Jedes Motiv passt zwischen zwei Vorhänge – die des Verschlusses oder die einer Bühne. Es geht um ein klitzekleines Vorkommnis, das gleich wieder vorbei ist, und dabei eine kurze, aber intensive Wertschätzung erfährt. Haiku sind wie Fotos. Das waren sie schon immer, und genau das ist es.
 
fotoforum: Vielen Dank für das Interview!

Zur Person: Martin Timm, 1961 in Hamburg geboren, studierte nach seiner Ausbildung zum Fotografen in Köln Fotoingenieurwesen mit dem Schwerpunkt Bildgestaltung.
Seit 1991 arbeitet er als freier Fotograf, Fotocoach und Dozent für experimentelle Fotografie im gesamten deutschsprachigen Raum. Dabei setzt er sich besonders mit der künstlerischen Seite des Mediums Fotografie auseinander. Er ist Mitbegründer von WennHeldenReisen, der bundesweit ersten rein fotografischen Kunstakademie. Ausstellungen und Preise seit 1992. Private Interessen: Musik und Literatur

www.timmfotografien.de

Infos und Anmeldung zu den fotoforum Impulsen: www.fotoforum.de/impulse

Aufmacherfoto: Irina Schäfer
Fotografien wie aus einer anderen Welt. Sehr schön!
Einfach eintauchen in die Natur und alles um sich herum vergessen.
Im Garten blühen schon die Primeln, da freue ich mich schon auf morgen, wenn ich dann mit meiner Festbrennweite unterwegs bin:-)
LG Chris
Sehr anregend für neue Gedanken übers Auslöserdrücken hinaus.
Das Schöne ist, man kann nichts falsch machen dabei...denn der Moment ist wie er ist. Aber warum werden dann Effekte gesteigert und Blendenwerte verändert, wenn es doch um klitzekleine Vorkommnisse geht, die gleich wieder vorbei sind. Die Idee an sich ist verlockend. Die Umsetzung wohl doch nicht so einfach. Gruß Wolfgang
Gelöschter Benutzer
"Zu sehr versuchen Fotografen, der Natur schöne Motive zu entlocken – eine Ambition, die die Maler schon vor hundert Jahren überwunden haben. Es gibt authentischere Ziele als eine Ästhetik, die nur den Sinnen schmeichelt."
Diesen Satz nehme ich mir mit. Danke für den Bericht, der eine Bereicherung für mich ist.
lg Beate
Das klingt alles sehr spannend und ich freue mich schon auf den Workshop im Mai =).
LG Dorothea
Haiku fotografieren setzt eine Geisteshaltung voraus, die im ZEN / im TAO gelehrt und, wichtiger: Geübt wird. Hierzu wurde in Freiburg die ZEN Foto-Kunst entwickelt; in Sankt Moritz / CH finden ein Mal jährlich einwöchige Seminare statt. Allerdings kann das Seminar nur Grundstein und erste Anregung sein.
Aus eigener Erfahrung bedarf es jahrelanger Übung, bis die Fotografien einem zu-fallen, wir schöpferisch "leer werden".
Die fast "automatische" Hinzunahme weiterer Medien, die die endende Zweidimensionalität der Fotografie weiten helfen ist konsequente Fortführung der ZEN Foto-Kunst.
Die Gedanken zu dieser Fotografie sind sehr interessant und können zum Überdenken der Eigenen Position führen.Der Fotograf sollte aber dazu schreiben dass es Haiku ist, sonst hagelt es vermutlich Kritik.
In der kritischen Auseinandersetzung mit der Fotografie darf auch der Schluss zugelassen werden, mit dem Vorgestellten nicht zwangsläufig konform zu sein. Auch wenn es einen traditionellen Namen trägt und intellektuell aufbereitet erscheint.
Ich nenn das ganz einfach "da will jemand das rad neu erfinden"
Der eine schmiert sich vaseline aufs objektiv, ein anderer bohrt ein loch in einen joghurt becher und pappt es vors objektiv, oder aber man findet einfach einen neuen namen .....

Lg Dirk

Egal wie es heißt, bis auf das Waldbild spricht mich das überhaupt nicht an. In meinen Augen sind das Zufallsprodukte, Schnappschüsse ohne Konzept, die hinterher wortgewandt zur Kunst erhoben werden.
Menschen können sich in Dinge/Themen immer wieder hineinsteigern. Gerade wenn sie neu sind fühlen sich einige Menschen davon angesprochen. Kunst ist aber bekanntlich nicht jedermann Sache, jeder hat seine Ansicht und Einstellung zu bestimmten Dingen und das ist auch gut so. Das was der "Fotograf" hier zeigt, könnte genauso unter dem Thema Makrofotografie laufen. Ein schönes Motiv, einen entsprechenden smoothen Hintergrund und einer guten Perspektive gewählt, würden Konformes zeigen.

Kritik z.B. Waldbild: Die im Vordergrund befindlichen unscharfen Abbildungen, vermutlich von Gräsern, sind störend und lenken vom eigentlichen Motiv sehr ab.

Einen schönen fotografischen Gruß und immer gutes Licht wünscht,

Frank oder auch Pana53
Kann mich den Vorschreibern nur anschließen, alte Technik und neuer Name..... Damit man mit dem Namen Aufmerksamkeit erregen mag, ist es sicher Zeitgemäß, mehr nicht. Gute Makrofotografen und gutem Objektiv und etwas Ideenreichtum, machen diese Bilder mit Links. Ich finde das Ganze etwas populistisch auf den Namen Haiku aufgemotzt. Warum benutzt man nicht einen deutschen Begriff dafür? Nicht jeder Fotograf möchte sich in den Matsch legen um sich zu Entspannen und neue Inspiraturen zu sammeln. Wer es braucht sollte zum Psychlogen seines Vertrauens gehen. Für mich ist es in dieser dargestellten Form eine reine Lachnummer, wie auch eine s.g. Lachtherapie. Wer neue Impulse sucht sollte sich mal einige Zeit auf eine Bank in der Natur setzen,den Stimmen der selben folgen und die Augen schließen, oder am menschenleeren Strand spazieren gehen und alles was negativ ist zurücklassen... Kostet nix und ist außerdem Gesund!

vg bavare
Absolut anregend. Mal eine andere kreative Art der Fotografie.
Als V-Club in der ffCommunity hatten wir im letzten Jahr in der Award-Jahres-Gruppenbewertung mit dem 2. Preis einen Fotoworkshop mit Martin Timm gewonnen. Bei der Überlegung, welches Workshopthema wir wählen sollen, hatten wir uns für "HAIKU" entschieden, weil es uns einfach neugierig machte und weil es für uns alle Neuland sein würde.
So trafen wir uns endlich am letzten Wochenende mit Martin, voller Spannung und offen für neue fotografische Erfahrungen.
Wir wurden reichlich belohnt mit ganz unerwarteten (uns bisher fremden) Gestaltungsansätzen, die in der japanischen Zen-Tradition ihre Wurzeln haben und alle, in unserer Kultur tradierten Gestaltungsregeln über Bord werfen.
Mit Martin Timm hatten wir einen eloquenten, mitreißenden Trainer, der uns mit spannendem Hintergrundwissen und viel Humor ermunterte, nicht Motive zu suchen, sondern die Bilder zu machen, die sich uns sozusagen im Nahbereich vor die Kamera schieben.
Suchten wir am ersten Tag doch immer noch nach "schönen" Motiven, so fiel es uns am zweiten Tag schon etwas leichter, uns auf das Spiel mit Tiefe und Raum, mit Licht und Form einzulassen.
Auf diese Weise haben wir mit HAIKU einen neuen Ansatz kennengelernt, ohne uns von unseren alten Sehgewohnheiten gänzlich zu verabschieden. Wir sind aber um einige Facetten der Wahrnehmung reicher geworden.
Herzlichen Dank für diese Erfahrung!
LG Anke (V-Club)
Administrator
Hallo Anke,

das klingt ja wirklich toll, was Du schreibst!

Wir vom fotoforum freuen uns sehr, dass Euch der Workshop so viel Spaß gemacht hat!
Der Martin, der kann´s!

Viele Grüße,
Christian
Für mich war der Artikel auch sehr interessant. Neue Ideen und Anregungen können doch nur inspirieren. Allerdings verstehe ich auch die Kritiker, was die abgebildeten Fotos anbelangt. Da gefällt mir auch nur das mit den Schneeglöckchen. Aber es ist ja auch immer alles Geschmacksache.
Die anderen Bilder gefallen vielleicht anderen :-)
Ich habe es jedenfalls gerne gelesen, und es bestärkt mich darin, weiter zu experimentieren und auszuprobieren.
Sehr schön! Danke für den Komentar Beate C. Weiland
" Es gibt authentischere Ziele als eine Ästhetik, die nur den Sinnen schmeichelt."

Ich bin zwiegespalten ;)