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Japans wilder Norden

20. Januar 2017 - Mario Müller
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Japans nördlichste Insel Hokkaido ist bei Naturfotografen und Ornithologen bekannt als Überwinterungsgebiet der Riesenseeadler und Mandschurenkraniche. Beide sind zweifelsohne die Attraktionen auf Hokkaido. ­Mario ­Müller hat sich auf die weite Reise gen Osten begeben und berichtet von seiner Fototour.
 
Fototouren nach Japan findet man bei verschiedenen Reiseanbietern. Die sind aber verhältnismäßig teuer und einem strikten Reisemuster angepasst. Bei guter Recherche im Vorfeld lässt sich eine Reise auch ohne Gruppe und vorgegebenen Zeitplan durchführen. Gemeinsam mit einem Foto­freund begann ich im Oktober zu planen, die Reise fand dann im darauf folgenden Februar statt: Über Tokio ging es auf die Insel Hokkaido im Norden Japans. In Kushiro, der größten Stadt, bezogen wir unser erstes Hotel, das wir bereits von Deutschland aus gebucht hatten. Spätestens jetzt wurde uns bewusst, dass wir viele tausend Kilometer von der Heimat entfernt waren. Die Türen des Hotels verlangten mit einer Höhe von 1,70 m große Achtsamkeit. In den Hotelzimmern waren meist dünne Matratzen als Betten ausgerollt. Am Tage rollte man sie zurück an die Wand, um genug Platz im Zimmer zu haben. Stühle ohne Beine waren üblich – für uns Touristen gab es jedoch auch Stühle mit Beinen.
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Unsere Reise begann in Kushiro. Über das Akan-Crane-Center fuhren wir zum Lake Furen und von dort weiter über Shibetsu nach Rausu. Heim ging es wieder von Kushiro aus. 
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Unser Hotelzimmer in Shibetsu. Man beachte die unterschiedlichen Stühle.

Von Deutschland aus hatten wir bereits einen Allrad-Mietwagen bestellt, den wir am Flughafen in Empfang nahmen. Das Navigationsgerät überraschte uns, da wir nur die japanische, koreanische und chinesische Sprache wählen konnten. Wir entschieden uns für Japanisch und waren dann unterwegs auf die Zeichen im Display angewiesen. Die nette japanische Stimme schalteten wir nach anfänglicher Neugier dann aber doch wieder ab. Das Eingeben von Reisezielen war hingegen leicht, da man einfach die Telefonnummer des Reisezieles eingeben konnte.
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in Allradauto ist für eine Winterreise auf Hokkaido zu empfehlen. Zudem benötigt man eine extra Fahrerlaubnis, die man bei der japanischen Botschaft beantragt.

Kraniche zum Einstieg
Alle Fütterungsplätze der Mandschurenkraniche liegen in der näheren Umgebung von Kushiro und sind von dort problemlos zu erreichen. Durch die täglichen Fütterungsaktivitäten am Akan-Crane-Center sind die Kraniche an Menschen gewöhnt. Da alle Besucher und Fotografen hinter einer Absperrung stehen, haben sich die Kraniche auf diese Distanz eingestellt. Teilweise kamen die Vögel auf einen Abstand von 15 m an uns heran.
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Weltweit leben nur noch 2.000 Exemplare des Mandschurenkranichs, wovon etwa 50 Paare auf Hokkaido brüten. Dieses Paar fotografierten wir im Schneesturm am Akan-Crane-Center in der Nähe von Kushiro.

Ganz in der Nähe befindet sich ein Fluss, in dem die Kraniche oft stehen. Das Wasser ist eisfrei, da er von heißen Quellen gespeist wird. Von der Straßenbrücke bei Otowabasch in der Nähe von Tsurui kann man die Kraniche gut im morgendlichen Gegenlicht fotografieren. Wenn zusätzlich sehr kalte Temperaturen herrschen, steigt Dampf vom Flusswasser empor und hüllt die Kraniche in Nebel. So gelingen mystische Bilder der eleganten Vögel. Wenn die Kraniche gefüttert werden, versuchen auch immer wieder Seeadler und Riesenseeadler etwas von dem ausgelegten Fisch zu erbeuten und vollziehen regelrechte Sturzflüge zwischen den Kranichen. Hier ein gutes Actionfoto zu bekommen, ist allerdings mit viel Glück, Geduld und Zufall verbunden.
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Unsere nächste Station war der Lake Furen. Der dortige Cafébetreiber füttert zuverlässig jeden Morgen zur gleichen Zeit die Adler auf dem zugefrorenen See. Etwa 120 See- und Riesenseeadler fanden sich dort während unseres Aufenthaltes ein. Die Entfernung zu den Adlern war allerdings relativ groß, sodass wir hier auf vorbeifliegende Adler setzten. Unweit vom Café befindet sich im Wald eine öffentliche Fotohütte mit der Möglichkeit, kleinere Waldvögel zu fotografieren. So hatten wir die Chance, Japanische Kleiber, einen Weißrückenspecht, den Japanischen Kleinspecht, Birkenzeisige und den Rosy Finch zu fotografieren. 
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Ein neugieriger Rotfuchs und Dickschnabelkrähen am Lake Furen.

Auf zu den Adlern
Das Hauptziel unserer Reise war Rausu, denn dort wollten wir hauptsächlich Riesenseeadler fotografieren. Die Weltpopulation der Riesenseeadler beträgt rund 5.000 Exemplare. Über ein Drittel des Weltbestandes überwintert auf Hokkaido. Früh am Morgen fahren wir vom Hafen aus mit einem Fischerboot, das sich auf Adlertouristen umgestellt hat, bis zum Treibeis auf das Meer hinaus. Dort sitzen die Adler, die sich an diese Situation gewöhnt haben, und warten auf die Fischer. Ihre Flucht­distanz ist mit rund 10 m entsprechend gering. Der Anblick dieser Adlerkonzentration war für uns gewaltig.
Riesenseeadler und Seeadler vor der Hafen­kulisse von Rausu.
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Fast 200 Seeadler und um die 140 Riesenseeadler saßen vor uns auf den Eisschollen und die Wetter­bedingungen zum Fotografieren zeigten sich optimal: Wir fotografierten in der blauen Stunde, bei perfekter Sonnenaufgangsstimmung und auch bei Schneefall. Anfangs setzten wir Brennweiten von 500 bis 600 mm ein. Die Adler kamen aber mit der Zeit sehr nah an das Schiff heran, sodass wir auch mit 300 bis 400 mm fotografieren konnten. Oft saßen die Tiere nur wenige Meter entfernt vom Schiff auf den Eisschollen und aßen die Fische. Sie nahmen dabei keine Notiz von den Menschen an Bord. Wir konnten uns auf dem Schiff frei und ohne Tarnung bewegen und die Adler aus allen möglichen Positionen fotografieren. Die Vögel hielten sich zudem rings um das Schiff auf, sodass es möglich war, Adler im Gegenlicht und auch mit der Sonne im Rücken zu fotografieren. Wir hatten rund zwei Stunden Zeit zum Fotografieren. Dann wurde das Sonnenlicht zu hart und die Adler waren satt. Zurück ging es dann in den Hafen von Rausu. Bei teilweise -20 °C war es wichtig, sich auf dem Schiff warm anzuziehen, um dem eisigen Wind und Schneesturm zu trotzen. 
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Riesenseeadler bei Sonnenaufgang
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Da wir von den Adlertouren früh wieder zurück waren, hatten wir den Tag über Zeit, andere Exkursionen in verschiedene Regionen zu unternehmen. Mehrmals besuchten wir beispielsweise Singschwäne am Kussharo See. Nach einem Tag in der Kälte entspannte der Besuch eines Onsen (heißes Bad). Die Japaner lieben es, am Abend in den heißen Quellen ein Bad zu nehmen. Und auch wir lernten diese Art der Erholung zu schätzen.
 
Was man bei der Reise bedenken sollte
Nach anfänglichen Zweifeln kann ich sagen, dass man problemlos auf Hokkaido reisen kann. Alle interessanten Orte waren bequem und gut zu finden. Für eine Reise im Winter sollte man unbedingt extrem warme Winterkleidung mitnehmen, da die Temperaturen mitunter auf -30° C sinken können. 
Die Kameraausrüstung sollte wetterfest, robust und kälteresistent sein. Wir fotografierten beide mit je einer Canon EOS-1D X. Die Kälte stellte für die Akkus und die Kameras kein Problem dar. Das kann bei anderen Kameras allerdings unterschiedlich aussehen, weshalb man sich im Vorfeld gut informieren und zur Not ein paar mehr Ersatzakkus einstecken sollte. 
Mensch und Technik waren oft widrigen Bedingungen ausgesetzt. Unsere Ausrüstung hielt zum Glück, was sie versprach.

Die Englischkenntnisse der Einheimischen genügten oft leider nicht zur Verständigung, sodass wir ausschließlich mit anderen Fotografen ins Gespräch kamen. Selbst in der Touristeninformation von Kushiro versuchte man, unser Englisch mit einem Tablet zu übersetzen. 
Kulinarisch bot die Reise für uns einige Highlights. Wir fanden in den Restaurants fast nur Fisch und Meeresfrüchte vor. Das Bestellen in den Restaurants war oft schwierig, da wir die Karte nicht lesen konnten und uns auch niemand verstand. So suchten wir Restaurants auf, in denen bereits Personen saßen, die etwas auf ihrem Teller hatten. Dann zeigten wir auf dieses Gericht und bestellten so. 
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Unser Frühstück bestand aus Reis, Salat, Tang, rohem Fisch und Fischeiern. Wir sehnten uns bald wieder nach Müsli und Vollkornbrot.

Die überwältigende Gastfreundschaft und Freundlichkeit der Japaner war bezeichnend für diese Reise. Mit einigen japanischen Worten versuchten wir die Herzlichkeit zurückzugeben. Also dann: Konnichiwa – guten Tag, Japan!

Der Autor Mario Müller ist Naturfotograf, Buchautor und Seeadler-Landesko­ordinator in Mecklenburg-­Vorpommern. Außerdem ist er Referent der Fotoschule Zingst, wo er regelmäßig Workshops zu den Themen Vogelzug, Kranichzug und Seeadler-Fotografie anbietet. Zudem bietet er die Möglichkeit, Fotoverstecke für die Vogelfotografie zu mieten.
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