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Wenn nicht jetzt, wann dann?

08. März 2019 - Christian Beck
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146 Kilogramm Plastikfolie hat der fotoforum-Verlag 2018 für den Versand des fotoforums eingesetzt. Biologisch abbaubare Alternativen haben sich nach jahrelangen Recherchen als nicht realisierbarbar erwiesen. Jetzt wählen wir einen anderen Weg.

Es war schon eine ziemliche Odyssee: 2010 hatten wir begonnen, nach Alternativen für die Plastikfolie zu suchen, die für den Versand des ­fotoforums eingesetzt wird. Lange Zeit schien es, als könnte die Lösung in einer biologisch abbaubaren Folie liegen. Doch diese Hoffnung hat sich leider zerschlagen. Nachdem wir das Thema intensiv recherchiert und mit zahlreichen Lieferanten und Experten diskutiert haben, sind wir nun zu dem Ergebnis gekommen: Die einzige ökologisch sinnvolle Alternative zur Folie ist – keine Folie.
Darum werden wir ab sofort auf das Einschweißen des Magazins in Folie verzichten.

Die Geschichte einer langen Suche
Leider gibt es auf komplexe Fragen nur selten einfache Antworten. Zum Beispiel: Welche der beiden Gurken auf dieser Seite ist die biologisch und welche die konventionell angebaute Gurke? Oder: Welche Versandhülle ist ökologischer: die Plastikfolie oder der Papierumschlag? Im fotoforum-Verlag verfolgen wir seit der Gründung 1992 nachhaltige Ansätze und das Konzept Vermeiden geht vor Verwerten (Auflagenoptimierung, Vermeidung von Makulatur/Überproduktion, Prozessoptimierung in Produktion und Vertrieb etc.).
Wenn wir im fotoforum darüber berichten, wie das Fotografieren der Natur zu ihrer Bewahrung beitragen kann und uns das wirklich Ernst ist, dann sollten wir auch mit dem Heft jede Option nutzen, dem ökologischen Desaster durch Plastikmüll entgegenzuwirken.
Als wir vor neun Jahren begannen, nach biologisch abbaubaren Folien zu recherchieren, stießen wir zunächst auf Ratlosigkeit bei Lieferanten. Der Markt für Biofolien war noch kaum entwickelt und die meisten Menschen vertrauten auf eine gut geregelte Rückführung der Plastikfolien in den Wertstoffkreislauf. Dass der nur sehr bedingt funktioniert, wird schon lange kritisiert. Erst kürzlich, am 19. Januar 2019 titelte DER SPIEGEL: „Mogel­packung. Von wegen Vorreiter: Deutschlands Recycling-System ist Müll.“ In dem Artikel weisen die Autoren darauf hin, dass der echte Recyclinganteil zur erneuten Kunststoffproduktion in Deutschland nur 5,6 Prozent beträgt. Außerdem stellen sie fest: „Als recycelt gilt bereits, was in Deutschland in eine Sortier­anlage geht und einer stofflichen Verwertung zugeführt wird – und wenn es der Export nach Malaysia ist.“
Diesem diffusen Unbehagen über das Recycling-System, aber auch der Gewissheit folgend, dass Vermeidung immer vor Recycling gehen sollte, wollten wir schon früh auf eine kompostierbare ­Folie umstellen. Doch entweder konnten die Anbieter keine Muster für Produktionstests zur Verfügung stellen oder die Mengen für die Mindestabnahme wären so hoch gewesen, dass wir den Bedarf für mehrere Jahre hätten einkaufen müssen. Leider ist das keine Option für ein Produkt, das darauf ausgerichtet ist, nach einem halben Jahr zu verrotten. Also versuchten wir, uns mit anderen Firmen zusammenzutun, um die große Menge aufzuteilen – doch es fanden sich keine Mitstreiter. Das Interesse war zu gering.

Biofolie ist leider keine Ideallösung
Dann tat sich 2018 ein Fenster auf. Endlich konnten wir kompostierbare Folien bekommen. Doch nun tauchte ein neues Problem auf: Die Abfallwirtschaft ist derzeit nicht in der Lage, kompostierbare von nicht kompostierbarer Folie im industriellen Trennprozess ausreichend sicher zu unterscheiden. Einige Abfallwirtschaftsbetriebe bitten dringend darum, als kompostierbar definierte Folien nicht in den Kompost zu geben, weil diese eben nicht auf Anhieb erkennbar sind. Für den Komposthaufen im eigenen Garten kann ich das unterscheiden und auch verantworten – in einer industriellen Kompostieranlage funktioniert das aber nicht. Aber wäre nicht schon viel damit gewonnen, wenn die kompostierbare Folie nicht mehr aus Erdöl hergestellt würde, sondern aus nachwachsenden Rohstoffen? Selbst wenn die Biofolie dann in den Restmüll wandert, wäre sie doch zumindest in der Produktion unschädlich. Genau das ist aber die Frage: ob nämlich eine Folie aus Mais oder Zuckerrohr unter Aspekten der Nachhaltigkeit der Weisheit letzter Schluss ist. Wir sehen ja, welche ökologischen Probleme Biokraftstoffe und Energiepflanzen verursachen können: Flächenverbrauch, Düngemitteleinsatz, Flächenkonkurrenz und dadurch steigende Preise für Nahrungsmittel in Entwicklungsländern, Landflucht, Monokulturen.

Jetzt versuchen wir es ohne Folie
Als alle diese Fakten auf dem Tisch lagen, haben wir beschlossen: Jetzt versuchen wir es ohne ­Folie. Neun Jahre sind genug recherchiert, jetzt muss etwas geschehen. Und wenn es nicht funktioniert, müssen wir eben weitersuchen. Aber es nicht zu versuchen, ist keine Option. Auf der Titelseite gibt es nun ein ablösbares Etikett. Es lässt sich leicht und rückstandsfrei mit wenigen Handgriffen ablösen. Ein wichtiges Argument für die bisherige Plastikfolie war, dass sie das hochwertige Magazin schützt. Dieser Gedanke ist naheliegend, denn das Heft soll ja unbeschädigt beim Kunden ankommen. Aus eigener Erfahrung wissen wir – und Versand­experten haben uns das bestätigt –, dass die meisten Hefte im sogenannten „offenen Versand“ unbeschädigt eintreffen. Natürlich kann es auch beim Versand in einer Folie zu Beschädigungen kommen. Diesbezüglich haben wir aber kaum Reklamationen.
Wer besonders sichergehen möchte, dem bieten wir wie bisher die Möglichkeit an, gegen einen Mehrpreis von 1 Euro pro Ausgabe das Magazin in einem knickfesten Pappumschlag zu erhalten. Das können sie beim fotoforum Leserservice telefonisch unter 0251 143935 oder formlos per E-Mail an service@fotoforum.de bestellen.

Ohne Plastik – wie kommt das an?
Wir sind gespannt, wie der Versand ohne Plastikhülle funktionierte. Und natürlich auch, wie beides bei Ihnen ankommt – die Idee genauso wie das Heft.

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